Am 9. September 2014 fand in der Deutschen Gesellschaft e.V. die Podiumsdiskussion „Menschenrechte leben- Leiden erinnern! Ein zentrales Mahnmal für die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft“ statt.

 

Es diskutierten unter Moderation von Robert Ide (Tagesspiegel) der Totalitarismusforscher Prof. Dr. Eckhard Jesse (TU Chemnitz), der Journalist Dr. Jörg Kürschner (FV Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen), der Publizist Sergej Lochthofen sowie der Soziologe Prof. Dr. Manfred Wilke (Projektleiter, Institut für Zeitgeschichte München). Ziel der Diskussion war es auszuloten, welche Bedeutung ein zentrales Mahnmal in der heutigen Erinnerungslandschaft einnehmen soll.

 

Das Einführungsreferat hielt die Projektkoordinatorin der Initiative Mahnmal, Anna Michels-Boger. Sie betonte, dass das gemeinschaftliche Erinnern an Opfer und Betroffene der SED-Diktatur das kritische Bewusstsein dafür stärke, dass die Werte der Demokratie und Freiheit auch heute aktiv verteidigt und eingefordert werden müssen. Es sei ein Bewusstsein dafür notwendig, dass der Fall der Mauer Tausende Opfer eingefordert hätte, die den 9. November 1989 vorbereitet hätten. Das Mahnmal müsse deshalb eine „eindeutige wertgebundene Aussage zu der kommunistischen Gewaltherrschaft treffen“ – am besten gelänge das durch die Darstellung von Einzelschicksalen, die das Leid der Opfer und ihre Verweigerungshaltung authentisch schildern, um allen voran auch junge Generationen zu sensibilisieren.

v.l.n.r. Sergej Lochthofen, Prof. Eckhard Jesse, Robert Ide (Moderation)  Dr. Jörg Kürschner und Prof. Dr. Manfred Wilke

 

Das Podium diskutierte sehr kontrovers über die Bedeutung von Denk – und Mahnmalen in der heutigen „postmodernen Gesellschaft“ (Lochthofen), über den Opferbegriff als auch über die Ausgestaltung. Dr. Jörg Kürschner, selbst ein Opfer der SED-Diktatur, gab zu bedenken, dass ein Tatort wie das Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen oder eine filmische Dokumentation weitaus interessanter und authentischer seien als ein Mahnmal. Allerdings müsse man auch andere Wege der Mahnung finden, wenn Zeitzeugen nicht mehr da sind. Ein Mahnmal in Berlin, das an die Menschenrechtsverletzungen des Kommunismus mahnt, müsse zentral sein.

 

Sergej Lochthofen gab mit Verweis auf die abgeklärte Wissensgesellschaft zu bedenken, dass „wir kulturell nicht mehr zu einem Kyffhäuser fähig wären“ – Pathos hätte nichts mehr zu bedeuten. Überdies riskiere man mit einem Mahnmal „Stofflichkeit und Kitsch“ zu produzieren. Es müsse ein würdevoller Platz sein ohne viel Kunst. Ein allgemeiner Konsens wäre aber nur schwer zu erreichen, urteilte der ehemalige langjährige Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen Zeitung.

 

 Sergej Lochthofen und Prof. Dr. Eckhard Jesse

 Einer der bekanntesten Totalitarismusforscher Deutschlands, Prof. Dr. Eckhard Jesse, warf ein, dass eine Fixierung auf Opfer und Gewalt problematisch sei, denn schließlich sei der Kommunismus eine politische Religion gewesen. Die kommunistische Ideologie, das Inhumane am System, müsse in einem Mahnmal delegitimiert werden, denn Gewalt und ihre Opfer seien eine Folge der Ideologie. Dabei sei gerade die Verurteilung dieser Ideologie wichtig, da es in Deutschland bisher keinen „antiextremistischen Konsens“ gäbe.

 

Der Soziologe Prof. Dr. Manfred Wilke widersprach seinem Kollegen ganz vehement: „Eine politische Religion kann man doch nicht in einem Mahnmal abbilden!“. Die Ideologie müsse unabhängig vom Ort des Gedenkens in einem Informationsort thematisiert werden. „Wir dürfen das erlittene Leid nicht vergessen“, lautete es eindeutig von Dr. Philipp Lengsfeld (MdB). Auch andere Zuhörer verwiesen darauf, dass der Opferbegriff zwar kein einfacher, aber ein notwendiger sei. Objektiv ist der Opferbegriff eine Anerkennung für erlittenes Unrecht (Lochthofen), auch wenn man sich selbst nicht als Opfer sieht; andererseits aber auch ein persönliches Eingeständnis und eine Bewusstwerdung für das ganz individuell erfahrene Leid. Die Verurteilung einer Ideologie werde dem nicht gerecht. Die Diskussion zeigte die Komplexität des Duos „Gedenken-Mahnen“ auf, insbesondere wenn die Aussage des Mahnmals inhaltlich weiter reichen soll als die eines „Nie wieder“. Dabei haben wir vielleicht noch keinen „antiextremistischen Konsens“ in der Gesellschaft erreicht, aber eine Neubewertung der kommunistischen Diktatur wird in der Zukunft noch erfolgen.