Was bedeutet es, tagelang in Todesangst in einer Wasserzelle auszuharren, sein Kind durch Zwangsadoption zu verlieren, von seinen Liebsten getrennt zu sein oder seine Gedanken nicht frei äußern zu dürfen? Studierende der TU Darmstadt nahmen sich dieses Themas künstlerisch-gestalterisch an und entwarfen ein Mahnmal für die Opfer. Um dieser schwierigen Aufgabe gerecht zu werden, setzten sie sich intensiv mit der Verfolgungsgeschichte in der DDR, aber auch mit ganz individuellen Schicksalen auseinander. Die Ergebnisse lassen sich sehen!

 

Am 25. März war es nun soweit: In dem voll besetzten Saal der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung stellten sie ihre Entwürfe für ein zentrales Mahnmal der Öffentlichkeit vor. Robert Ide vom Der Tagesspiegel moderierte mit viel Esprit durch die Veranstaltung.

 

        

 

 

Florian Mausbach, Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung a.D. und Mitinitiator des Berliner Freiheits- und Einheitsdenkmals, lobte ausdrücklich die sehr hohe Qualität der studentischen Entwürfe: „Sie sind reif für einen Wettbewerb“, stellte Mausbach fest. In seiner Einleitung zur Diskussion warnte er jedoch schon einmal vor: Die Auseinandersetzung um das Denkmal wird schwierig, doch Streit gehöre einfach dazu.

 

Dr.-Ing. Constanze A. Petrow, Dozentin der TU Darmstadt im Fachgebiet Entwerfen und Freiraumplanung, betreute die Studierenden. Ihrer Ansicht nach sei es zentral, dass sich die Opfer mit dem Mahnmal identifizieren könnten. Es müsste die Opfer symbolisch repräsentieren können und ein starkes, klares Bild vermitteln. Die Anerkennung der Leiden sei für sie und die Studierenden beim Konzept entscheidend gewesen, weniger die Kritik an dem kommunistischen System.

 

Im Anschluss an die kurzen Einleitungsworte stellten die Studierenden ihre eigenen Entwürfe dem Publikum vor:

 

Patricia Pesch verdeutlichte in ihrem künstlerisch gefertigten Modellentwurf „Unerfüllte Nähe“ die gewaltsam erzwungene Trennung von Menschen in der Diktatur. Durch eine überdimensionale, dicke Glasscherbe und einen in sie eingelassenen Handabdruck soll dem Besucher der Schmerz der Trennung sinnlich nahegebracht werden. Die Einschränkung der freien Meinungsäußerung durch ein totalitäres Regime, wie in der SBZ/DDR, ist meist einer der ersten Schritte zur Unterdrückung. Mit diesem ersten Schritt befasst sich der Entwurf „Die Gedanken sind frei“ von Christian Margarit. In dem großen Kubus aus Zement ist ein kleiner Schlitz, durch den man in das Innere blicken kann. Darin befindet sich ein weißes Blatt Papier und ein Stift.

 

Isabella Mugavero und Robert-Maximilian Sand arbeiteten mit einer klassischen Denkmalsprache. Die Brozestatue „Wasserzelle“ steht stellvertretend für das zum Opfer der kommunistischen Diktatur gewordene Individuum. Vorbild ist das Folterinstrument der Wasserzelle in einigen Untersuchungsgefängnissen der SBZ/DDR, in der die Häftlinge tagelang kniehoch im Wasser ausharren mussten.

 

Der Mensch, der durch einförmige Schablonen gepresst wird und als gezeichnetes Individuum aus dieser Verformung heraustritt, ist das Thema von Tung Bui. „Der geformte Mensch“, versinnbildlicht durch die geschundenen Baumstämme, zeigt am deutlichsten, wie tief die Wunden bei vielen Opfern bis heute sind, die ihnen die kommunistische Diktatur zugefügt hat.

 

Aus dem Publikum kam viel Lob, insbesondere hinsichtlich der gut durchdachten Konzepte und der professionellen Ausführung der Arbeiten. Doch das Berliner Publikum hatte auch Kritik. Diese betraf zumeist die Symbolik und die Größe. „Man muss auf das Mahnmal gestoßen werden, groß muss es sein und für jedermann verständlich“, kommentiert Sylvia Wähling, Gedenkstättenleiterin des Menschenrechtszentrum Cottbus.

 

Stephan Hilsberg, ehemaliger DDR-Bürgerrechtler und Mitglied der Initiative Mahnmal, konterte: „Die Gestaltung sei entscheidend und nicht die Größe“. Auch Mausbach warnte davor, das Mahnmal zu überfrachten. Es müsse vor allem eine klare Denkmalsprache gewählt werden. Allerdings sah auch er die Gefahr, dass sich ein Mahnmal in der gemähten Rasenfläche zwischen Bahnhof und Reichstagsgebäude verlöre.

 

Die Vorstellung der studentischen Entwürfe ist ein erster Schritt in der Debatte um die Ausgestaltung eines Mahnmals, die spannend und kontrovers bleiben wird. Die Initiative muss sich nun zum Ziel setzten, ihre Vorstellung von einem „idealen“ Mahnmal klarer zu definieren. Dafür bieten die studentischen Entwürfe viel Material für gemeinsame Reflexionen.

 

Die Entwürfe der Studierenden sind noch bis 14. April in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung zu sehen. Danach soll sie baldmöglichst an die Gedenkstätte Hohenschönhausen gehen.